Laufen mit Freunden

Triathlon hat gegenüber Mannschaftssportarten sicherlich einige Vorteile. Ich persönlich genieße es, zu trainieren, wann und wo ich will. Unabhängig von einem Trainingsgelände oder der Trainingszeit. Dennoch macht es auch Spaß, mit anderen zu trainieren. Unser Radtrainingslager auf Fuerteventura war schon eine tolle Sache. Mein Training im Schwimmverein hat mich auch weitergebracht und viel Spaß gemacht.

Deshalb freue ich mich, letztlich beim Laufen durch den verschneiten Perlacher Forst einen neuen Freund kennengelernt zu haben. Ich nenne ihn der Einfachheit halber mal Heini, das ist die bairische Kurzform von Heinrich. Ich kann ihn ja schlecht Vollpfosten nennen, so etwas gehört sich nicht.

Jedenfalls, Vollpfosten – ich meine Heini – stapfte gemütlich durch den Wald. Seine Stampfrichtung war orthogonal zu meiner Laufrichtung, nur wusste ich das damals nicht. Heini jedenfalls stampfte durch den Wald und ich sah ihn nicht. Stattdessen sah ich „Komm her“. Zumindest glaubte ich, dass dieses riesige Vieh von einem Boxer „Komm her“ hieß. Denn „Komm her“ kam um die Ecke gebogen, sah mich und lief auf mich zu. Ich sah „Komm her“ und lief erstmal nicht weiter. „Komm her“ kam jedenfalls an und fing an mich zu beschnuppern. Übliche Prozedur von Hunden, aber ganz ehrlich, muss ich trotzdem nicht mögen. Zwei lange Augenblicke später kam Vollpfosten, Verzeihung, Heini um die Ecke und rief „Komm her“, mit bairischem Akzent versteht sich. Nun bemerkte ich meinen Fehler. „Komm her“ war nicht der Name des Hundes. Spätestens seit der legendären Columbofolge „Mord per Telefon“ wissen wir, dass man Hunde mit jedem Codewort abrichten kann. „Komm her“ war also nicht der Name von – ab jetzt nenne ich es Mistvieh – sondern der Code für „Spring den Jogger an und hau ab, wenn ich dich einfangen will“.

Der Hund – Verzeihung Mistvieh – gehorchte aufs Wort. Das Tier sprang mich an, sprang weg, lief um mich herum, sprang mich wieder an. Und immer wenn Heini das Tier fangen wollte, lief es weg, kam zu mir und sprang mich an. Nach 3-4 mal reichte es mir. Es entspann sich in etwa folgender Dialog, der natürlich aus Sicht des Läufers gefärbt ist, schließlich ist das kein Hundeblog. Der besseren Lesbarkeit verzichte ich auf die Wiedergabe des bairischen Akzents.

„Nehmen Sie den Hund weg.“ (Relativ ruhig)

„Versuch ich doch! Sehen sie doch!“ (Nicht so ruhig wie ich)

Wieder kam das Vieh angesprungen.

„Nehmen. Sie. Den. Hund. Endlich. Weg.“ (Nicht mehr ganz so entspannt)

„Komm her! Der Mann will nicht spielen. Komm her!“.

Richtig erkannt, er (also ich) wollte nicht spielen. Schon gar nicht mit so einem Boxervieh. Nun gut, Heini schaffte es dann tatsächlich, seinen Hund zu erwischen. Doch dann ging es erst richtig los.

„Der tut doch nichts!“

„Bitte?“ (Hätte wohl sagen sollen, dass Jogger anspringen nicht „Nichts“ ist)

„Der tut nichts! Und jeder weiß, Boxer können gar nicht beißen!“ (Blödsinn, einfach mal im Internet googlen, Heini, bevor Du so einen Blödsinn erzählst.)

Aber nun lief mein über jahrelang antrainiertes Automatikprogramm an.

„Wissen Sie wie oft ich das höre? Ich bin Notarzt an der Charité in Berlin. Zu mir werden häufig Patienten gebracht, die von Hunden gebissen worden sind, die nichts tun. Also erzählen sie mir nichts von Hunden, die nichts tun.“

Stille. Dann: „Was sind Sie?“

„Notarzt. Ich weiß wovon ich rede. Im Übrigen“, sagte ich jetzt mit sanfter, zuckersüßer Stimme – und ihr wisst, dass ich das kann, „Ich kann Ihnen einen sehr guten Hundetrainer empfehlen, wenn Sie mit Ihrem Tier nicht klar kommen.“

„Was?“ Klang eher wie „Wos?“, aber ich wollte den Akzent ja außen vorlassen.

Ich antwortete: „Ich kann Ihnen helfen. Wenn Sie Hilfe brauchen. Ich kenne einen sehr guten Hundetrainer. Ein wirklicher Experte.“

„Wie heißt der?“

„Dr. Joachim Vogel.“

„Wo ist de?“

„Seine Praxis ist in Berlin, aber er arbeitet deutschlandweit.“

„Berlin???? Ich fahre doch nicht nach Berlin!!!“

„Ich sagte, er arbeitet deutschlandweit und er ist auch oft in München.“

„Ich gebe doch keine tausende Euro aus, um nach Berlin zu fahren nur weil Sie sich in die Hose scheißen.“

Diesmal kam die Stille von mir. Da fällt einem dann so schnell nichts mehr ein. Selbst wenn man sich in die Hose scheißen sollte, dann ist ein Hundebesitzer umso mehr verpflichtet, auf sein Tier aufzupassen. Spätestens jetzt wäre es an der Zeit, Heini anzuzeigen.

Stattdessen sagte ich: „Er arbeitet auch in München, der kann Ihnen helfen.“

„Ihnen sollte man helfen! Aber besten Sie helfen sich selber. Mal am Kopf!“

„Ich sagt ich bin Notarzt, kein Psychiater. Aber auch da kann ich Ihnen einen Kollegen empfehlen.“

Nun gut, mir war klar, dass Heini nicht zu helfen war und auch „Komm her“ war bei derartigem Einfluss unberechenbar. Insofern war jede weitere Diskussion nutzlos und mir wurde auch langsam kalt. Es war an der Zeit, weiterzulaufen. Und das tat ich auch. Verfolgt von weiteren Beleidigungen von meinem neuen Freund Heini. Es bringt nichts und Vorsicht bei fremden Hunden ist das A und O von Läufern.

Tipp für Heini: Einfach mal im Internet recherchieren. Die Stuttgarter Nachrichten haben z.B. am 12. April 2018 online einen Artikel dazu veröffentlicht. Darin kann man nachlesen:

„In Deutschland gibt es pro Jahr 30 000 bis 50 000 Bissverletzungen durch Tiere. Laut einer Studie der Klinik für Kinderchirurgie der Berliner Charité (2015) werden davon 60 bis 80 Prozent durch Hunde […] verursacht.“

Das sind grob gerechnet 100 Bissverletzungen durch Hunde am Tag. Am Tag wohlgemerkt. Auf diese Liste möchte ich nicht kommen. Insofern ist Vorsicht sicherlich nicht die dümmste Idee. Meine neuen Lauffreunde treffe ich hoffentlich nicht so schnell wieder im Wald. Und falls doch, hoffe ich, rechtzeitig einen großen Bogen machen zu können.

Anmerkung: Es gibt zum Glück viele Hundebesitzer, die wissen, wie man mit Hunden umgeht, die wissen, wie ihre Tiere reagieren und sich entsprechen verhalten. Bei diesen Besitzern möchte ich mich ausdrücklich bedanken und erwähnen, dass ich mit obigem Artikel nicht alle Hundebesitzer über einen Kamm scheren möchten.

Einen Hundeführerschein mit jährlicher Prüfung für Hundebesitzer sollte in meinen Augen dennoch Pflicht sein. Und bei gutem Ergebnis könnte man z.B. die Hundesteuer für ein Jahr erlassen. Damit hätten alle etwas davon.

Bildquelle: (c) dastridream.de

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