Rückblick: Challenge Roth 2010

Zu Ihrem vierzigsten Geburtstag haben Männer drei Alternativen: in ein Kloster zu gehen, sich eine Geliebte zuzulegen oder einer sportlichen Herausforderung zu begegnen. Ich entschied mich für Alternative 3 und wollte 15 Jahre nach meinem Ironman bei der Deutschen Meisterschaft in Schwerin wieder eine Langdistanz absolvieren. Ich entschied mich für Roth, deutsches Triathlon-Mekka südlich von Nürnberg und nach Teilnehmern der größte Triathlon der Welt. Auf der Feier zu meinem vierzigsten Geburtstag habe ich meinen Plan dann verkündet. Den Rennbericht, den ich dann im Juli 2010 für alle Freunde, Gäste und Sponsoren verfasst habe, findet ihr nun hier.

 

Rennbericht Challenge Roth, 18. Juli 2010

roth_wechselSchon am Vortag spürte man die besondere Atmosphäre des wohl einzigartigen Rennens von Roth. In dem sonst eher beschaulichen fränkischen Ort war alles auf Triathlon ausgerichtet. Mit meiner Frau war ich bereits am Samstag angereist, um die Startunterlagen abzuholen und das Rad abzugeben (Bike check-in). Nach einem kleinen Umweg über die samstägliche Siegerehrung der jüngsten Triathleten, die bereits ihren Wettkampf absolviert hatten, trafen wir rechtzeitig bei der Startnummerausgabe ein. Rechtzeitig heißt in diesem Fall 10 min vor Ausgabeschluss, aber das stand so leider nicht in den Unterlagen.

Anschließend sind wir an den Main-Donau Kanal bei Hilpoldstein gefahren, um das Rad abzugeben. In Roth findet das Schwimmen im Kanal statt. Es waren sicherlich nicht alle 3500 Athleten gemeinsam mit uns beim Bike check-in. Gefühlt waren es eher doppelt so viele. Nachdem wir nach längerer Tour durch eine 30er Zone den Parkplatz und die Wechselzone erreicht hatten, erwies sich die Radabgabe als einfach und unkompliziert. Für die Räder gab es sogar riesige Planen, um sie nachts abzudecken. Die Jungs in Roth wissen halt, wie man eine gute Veranstaltung auf die Beine stellt.

Anschließend sind wir zu unserer Unterkunft gefahren, die etwa 20 km vom Start entfernt lag. Im nahe gelegenen Spalt gab es dann beim Italiener noch die letzte große Portion Kohlehydrate.

Die Nacht war kurz und ereignislos. Obwohl es nachts stark regnete, versprach der Sonntag ein angenehmer Tag zu werden. Trocken und mit Temperaturen um die 25°C deutlich unter den 35°C der Vorwochen.

Das der Tag nicht 100% perfekt werden würde, zeigte schon das Frühstück. Es begann damit, dass es keine Semmeln (norddeutsch Brötchen) gab. Natürlich hat um 4 Uhr morgens noch kein Bäcker auf, aber wenn man eine handvoll Triathleten im Haus hat, kann man doch welche aufbacken. Das zweite Manko war weitaus größer. Es gab kein Nutella. Das war am Vortag ausgegangen.

In der anderen Ecke des Frühstücksraums waren einige Triathleten aus Österreich beim Frühstücken, mit einem 800g Glas Nutella. Durch geschicktes Verhandeln des Wirtes – ich weiß nicht, was er gezahlt hat – konnte somit zumindest das Nutella-Defizit behoben werden.

 

Exkurs „Sportler und Müsli“

Natürlich ist Müsli zum Frühstück prinzipiell eine gute Sache. Müsli ist gesund und die Ballaststoffe sind gut für die Verdauung. Und aus diesem Grund verzichten die meisten Sportler an Wettkampftagen, gerade wenn man 10 oder mehr Stunden unterwegs ist, auf Müsli. Auch wenn es an der Strecke genügend Dixi-Toiletten gibt.

 

roth_tiwDie Fahrt zum Start verlief ereignislos. Wir kamen gerade rechtzeitig, um den Start der ersten Gruppe mit anzuhören. In Roth sind die Athleten dieses Jahr in 18 Wellen gestartet. Die Profis um 6 Uhr, dann die Frauen, und dann die Einzelstarter und zum Schluss die Staffeln. Meine Startgruppe 16 startet um 7:35. Für mich war die späte Startzeit kein Problem. Im Gegenteil. Wenn man hinten startet ist definitiv jeder, den man überholt, auch hinter einem. Einzig die Farbe der Badekappen meiner Startgruppe – lila – ist etwas unglücklich. Ich weiß nicht, ob ich im Winter mit einer lila Badekappe in die Schwimmhalle gehe, auch wenn „Challenge Roth 2010“ auf der Seite steht.

Die Vorbereitungen für den Start gingen schnell von statten. Trinkflaschen, Radcomputer, Brille ans Rad, ein wenig warmlaufen, das bei Sportveranstaltungen obligatorische Anstehen vor den Toiletten absolvieren, Dank der Hilfe meiner Frau in den Neoprenanzug schlüpfen, Thomas Hellriegel – erster deutscher Gewinner beim Ironman Hawaii 1997 – grüßen, der als Staffelstarter in der gleichen Startgruppe startete, am Schwimmeinstieg auf das „Go“ der Wettkampfhelfer warten und dann ab in den Kanal.

Und dann: Willkommen beim Frühstücks deja vu. In all den Jahren, in denen ich nun schon Triathlon mache, hatte ich noch nie Probleme mit der Schwimmbrille. Aber gleich beim Einstieg lief mir das linke Glas voll Wasser. Brille absetzen, aufsetzen – wieder das Gleiche. So hatte ich mir das ganze nicht vorgestellt. Kurz dachte ich ans aufgeben, doch diese Schwächephase dauerte zum Glück nur 3 Sekunden.

roth_kanalMitten in meine Versuche, die Brille dicht zu bekommen, fiel der Startschuss. Und ich war noch 100m von der Startlinie entfernt. 100 Extrameter Schwimmstrecke. Perfekt ist anders. Auf den ersten 500m habe ich dann noch 3-4 mal versucht, die Brille dicht zu bekommen. Dann gab ich es auf und bin einäugig durch den Kanal geschwommen.

Auch wenn ich nicht alles deutlich gesehen habe: Es war phantastisch. Viele Zuschauer stehen am Ufer, einige laufen mit den Schwimmern mit. Die Leute feuern einen phantastisch an, auch wenn man kaum etwas hört im Wasser. Die Strecke ist eine Wendepunktstrecke, die Wenden sind jeweils unterhalb einer Brücke, so dass man sich sehr gut orientieren kann und immer im Blick hat, wie weit man noch Schwimmen muss.

Letztendlich verlief das Schwimmen dann noch ganz gut. Nach 3,8 km Schwimmen verließ ich den Kanal in 1:20:07 und es ging hinein in die Wechselzone I, in der tausende von Zuschauern alle Athleten begeistert anfeuerten.

 

Exkurs: Der erste Wechsel.

roth_wechselzoneTriathlon hat eigentlich 4 Disziplinen. Der Wechsel kann einem wertvolle Minuten bringen oder kosten. Als Erstes nach dem Ausstieg schiebt man die Brille nach oben. Es ist wichtig, die Brille nicht abzusetzen, denn als Zweites zieht man noch im Laufen den Neoprenanzug aus. Dazu braucht man beide Hände. Man löst den Verschluss am Hals, zieht den langen Reisverschluss am Rücken herunter und macht den Oberkörper frei. Dabei läuft man weiter bis zu seinem Wechselbeutel, nimmt den auf und läuft ins Wechselzelt, wo man den Anzug komplett auszieht. In Roth sammeln freundliche Helfer alles ein und verpacken es im Wechselbeutel.

Dann geht es ab zum Rad. Helm auf. Brille auf. Startnummer um. Rad aus dem Ständer und bis zur Startlinie laufen. Und dann rauf auf das Rad und raus auf die Strecke. Die eigentliche Wettkampfkleidung trägt man im Übrigen bereits unter dem Neoprenanzug.

 

Meine Wettkampfkleidung war in diesem Jahr ein Orca 226, ein toller, nicht ganz preiswerter Zweiteiler. Aber Dank Eurer Gutscheine „habe ich nicht einen Pfennig dazu bezahlt“. Die 226 bezieht sich übrigens auf die bei einem Ironman zurückzulegende Gesamtstrecke in km. Mein neuer Radhelm von Alpina und meine neuen Radschuhe von Carnac, gleichfalls Dank Eures Sponsorings erworben, komplettierten meine Ausrüstung.

roth_rad_1Die Zeit für meinen ersten Wechsel war mit deutlich unter 3 min genauso schnell wie bei einem Kurztriathlon; für meine Verhältnisse somit schon fast perfekt.

Die ersten Radmeter in Roth sind gigantisch. Ein dichtes Zuschauerspalier katapultiert einen quasi auf die Strecke. Nach ca. 5 km hat man dann seinen Rhythmus gefunden und konzentriert sich darauf, die noch verbleibenden 175 km so schnell und ökonomisch wie möglich hinter sich zu bringen.

Roth ist für seine schnelle Radstrecke bekannt. Das heißt jedoch nicht, dass die Strecke flach ist. Im Gegenteil. Der über zwei Runden a 90 km führende Kurs ist recht hügelig und weist in Greding einen 12%-igen Anstieg auf. Daran schließen sich mehrer kleine Hügel, die ganz schön in die Beine gehen. Dafür wird man aber an anderer Stelle mit Bergabpassagen belohnt, auf denen man über 70 km/h schnell wird. Das absolute Highlight auf der Radstrecke ist aber der „Solarer Berg“. Der Anstieg ist weder besonders steil noch besonders lang. Bei meiner Streckenerkundung im Frühling war an diesem Anstieg nichts Besonderes festzustellen. Aber im Wettkampf …

roth_solarTausende von Zuschauern feuern die Athleten hinter den Absperrungen an. Dann enden die Absperrgitter. Und man sieht nur noch Zuschauer. Keine Gasse, keine Straße. Nur Zuschauer. Und kurz bevor man denkt, man fährt in die Zuschauermassen, öffnen sie mit einer „Laola“ Welle einen schmale Gasse, um die Radfahrer passieren zu lassen. Wahnsinn. Gänsehaut pur. Ganz oben, inmitten der Massen, stand meine Frau und feuerte mich an. Mit diesem Motivationsdoping nimmt man dann die zweite Runde in Angriff.

Auf der zweiten Runde hatte ich nach kurzer Zeit wieder mein „Frühstücks deja vu“. Am Mittwoch vor dem Rennen hatte ich das Rad nochmals komplett überprüft, auf der zweiten Runde sprang die Kette jedoch einige Male zwischen den hinteren Ritzeln. Eine kleine Schraube saß nicht ganz so fest, wie sie sitzen sollte; letztendlich wirkte sich das Problem jedoch nicht weiter aus, das Rad hielt durch. Auch ich bin gut über die Distanz von 180 km gekommen. Im Vorfeld hatte ich bereits 4500 km auf dem Rad zurückgelegt. Darunter zwei einwöchige Trainingslager im November und Februar auf Fuerteventura bei angenehmen 20 – 25°C, teilfinanziert durch Euer Geburtstagssponsoring, sowie zwei einwöchige Trainingslager in Ungarn.

Nach 6:28:47 h waren die 180 Radkilometer absolviert und ich fuhr durch ein dichtes Spalier von Zuschauern in die Wechselzone II.

 

Exkurs: Oben rein. Und unten ?

Viele haben mich gefragt, was man denn an so einem 12h – Tag zu sich nimmt und wie man mit den Stoffwechselendprodukten umgeht. Im Vorfeld habe ich viel experimentiert. Ich habe sieben verschiedene Energiegetränke im Training probiert, bis ich mich für eine Marke entschieden habe. Von der Zusammensetzung ähneln sich die Getränke in vielen Punkten. Für mich ist das Entscheidungskriterium der Geschmack gewesen. Denn was nützt das „beste“ Energiegetränk, wenn man es auf Grund seines schrecklichen Geschmacks nicht trinkt ?

An „fester“ Nahrung habe ich auf dem Rad nur Energiegels zu mir genommen. Das sind kleine Verpackungen, wie man sie z.B. vom Ketchup her kennt, gefüllt mit zähflüssigem Gel verschiedener Geschmacksrichtungen. Es gibt sogar Sorten, die schmecken. Beim Laufen gab’s noch das eine und andere Stück Banane und Melone, aber hier auch meist Energiegels.

Bei derartiger Ernährung sind die Stoffwechselendprodukte während des Wettkampfes ausschließlich flüssiger Natur, bei mir waren das ein Stopp beim Radfahren, ein Stopp in der Wechselzone II und ein Stopp beim Laufen.

 

Bei einem Wettkampf von der Länge und Dauer eines Ironman spielt sich vieles im Kopf ab. Wer bereits am Start darüber grübelt, ob er die Strecke schafft oder nicht, der hat es im Wettkampf sehr, sehr schwer. Um gut über die Distanz zu kommen, muss man vor allem unbedingt WOLLEN und daran glauben, es zu schaffen.

roth_laufBei meinem ersten Ironman 1995 hatte ich eine Gesamtzeit von 12:08:31 h. Diesmal wollte ich unter 13:30 h bleiben. Egal wie oft und viel man trainiert, man weiß erst im Wettkampf wo man wirklich steht. Auch wenn mir im Vorfeld klar war – diesmal – an meine Leistung von vor 15 Jahren nicht heranzukommen, war ich doch positiv erstaunt, wie schnell der zweite Wechsel war. 1995 saß ich ca. 10 min im Wechselzelt und fragte mich, ob ich tatsächlich noch einen Marathon laufen wolle. Diesmal brauchte ich für den gesamten Wechsel inkl. Dixi-Stop keine 3 Minuten, auch hier eine ähnliche Zeit wie bei einem Kurztriathlon. Es gab keine „Gedenkminuten“ im Wechselzelt – ich WOLLTE nur so schnell wie möglich auf die Laufstrecke und die letzten 42,2 km in Angriff nehmen.

Die Marathonstrecke in Roth führt zu 80% am Main-Donau-Kanal entlang. Lange Geraden direkt am Kanal. Es gibt Leute, die mögen eher kurvige Kurse, andere lieben Strecken mit scheinbar unendlichen Geraden. Ich gehöre zur zweiten Gruppe. Ich mag es, einfach auf langen Strecken z.B. am Kanal, an den Bahngleisen oder am Meer entlangzulaufen. Insofern war die Strecke für mich perfekt. Alle 2,5 Kilometer gab es eine Verpflegungsstation. Für mich hieß das meist Wasser und Energiegels.

roth_finshNach 10 km fand ich mich an der Seite eines Triathleten, der mein Tempo lief. Nach 15 km kamen Brandon und ich ins Gespräch. Brandon kommt aus Irland, ist 5 Jahre jünger als ich, verheiratet und hat 3 Kinder zwischen 3 und 11. Im Gegensatz zur mir hatte er aber seine Ehefrau nicht dabei. Nach der Hälfte der Strecke stand meine Frau und feuerte uns begeistert an. Bei Kilometer 25 ging es kurzzeitig etwas schwerer. So führte ich vermehrt Energie in Form von, man kann es sich denken, Energiegels zu und ab km 30 lief es dann wieder rund. Der berühmte Mann mit dem Hammer war bei km 35 nicht zu sehen, d.h. der bei Marathonläufer gefürchtete Punkt verlief völlig ereignislos. Die letzten 5 km liefen dann durch die Altstadt von Roth. Dann zeigten das Kilometerschild 40 km. Und da wusste ich 100%-ig, dass ich es schaffen und sogar unter der 13h Marke bleiben würde. Die letzten 400 m liefen dann durch das Triathlonstadion mit tausenden von Zuschauern und waren ideal für einen Endspurt. Nach 4:47:15 im Marathon und einer Gesamtzeit von 12:42:16 war ich am Ziel meiner Träume.

 

Der Tag danach

Der Tag danach war ein Montag. Leider hatte ich, entgegen meiner Planung, einige Termine, die sich nicht verschieben ließen. Erstaunlicherweise bin ich am nächsten Tag ohne Mühe aus dem Bett gekommen. Und ohne Muskelkater. Das zeigt mir, dass ich beim nächsten Mal die Sache sogar noch etwas schneller angehen kann, auch wenn das nächste Mal sicher nicht im nächsten Jahr sein wird ..

Bildquelle: © dastridream.de.

 

Ein Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.